Revolution oder Republik? – Die »blutige Woche« in Barcelona im Mai 1937. Von Werner Abel.

Titelfoto: Vor 80 Jahren tobten in Barcelona heftige Barrikadenkämpfe. Foto: Archiv

Revolution oder Republik? – Die »blutige Woche« in Barcelona im Mai 1937.
Von Werner Abel.

Der 13. Mai fiel vor 80 Jahren auf einen Donnerstag. In Barcelona begann man, die Spuren der Straßenkämpfe zu beseitigen und die Barrikaden abzureißen. Die katalanische Metropole war von den Truppen der Zentralregierung, vor allem von der republikanischen Guardia de asalto, der Sturmtruppe, besetzt. In den Leichenhallen stapelten sich die Toten, die Krankenhäuser hatten Mühe, alle die Verwundeten und Verletzten zu behandeln. Eine spätere Bilanz ergab, dass bei den Kämpfen 400 Menschen ums Leben gekommen und über Tausend verwundet worden waren. Aber dieses Mal galten die Kämpfe nicht wie im Juli 1936 der Abwehr des Putsches der reaktionären Generäle. Die Tragik bestand darin, dass in dieser, wie sie oft genannt wird, »blutigen Woche« im Mai 1937 die antifaschistische Linke sich untereinander bekämpfte. Und dies in einer Zeit, da sich die militärische Situation der Republik zugunsten der von italienischen und deutschen Faschisten unterstützten Putschisten dramatisch verschlechtert hatte.

Dabei war das Ziel der Putschisten um die Generäle Sanjurjo, Franco, Queipo de Llano, Mola und Goded, im Sommer 1936 ganz Spanien im Handstreich zu nehmen, in den wichtigen Städten Madrid, Valencia und Barcelona durch eine Volkserhebung grandios gescheitert. Mehr noch: Was der Putsch eigentlich verhindern sollte, setzte er mit Wucht in Gange, nämlich eine gewaltige Welle von Nationalisierungen und Kollektivierungen. Arbeiter übernahmen die Fabriken, Bauern den Grund und Boden. Räteförmige Strukturen sollten dafür sorgen, dass die soziale Revolution politisch gesichert wird. Vor allem im industrialisierten Katalonien übernahm das Zentralkomitee der antifaschistischen Milizen neben militärischen Aufgaben die Sicherung der Produktion und der Distribution.

Die radikale Linke in Gestalt der mächtigen anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Confederación Nacional de Trabajo (CNT) mit ihrem politischen Arm Federación Anarquista Ibérica (FAI), dem linkskommunistische Partido Obrero de Unificación Marxista (POUM) und dem linken Flügel des Partido Socialista Obrero Español (PSOE) stand für die Anstrengungen, den Krieg zu gewinnen, aber gleichzeitig die soziale Revolution weiterzuführen und zu sichern. Allerdings verzichtete die radikale Linke darauf, z. B. in Katalonien die Macht zu ergreifen und ging stattdessen Kompromisse ein, trat in die Volksfrontregierungen von Katalonien und Zentralspanien ein.

Für die Beibehaltung der bürgerlich-demokratischen Republik und damit auch der kapitalistischen Produktionsverhältnisse trat ein Bündnis ein, das aus bürgerlichen Republikanern, dem rechten Flügel des PSOE und der Kommunistischen Partei (PCE) bestand. Der PCE war durch die enorm gestiegene Mitgliederzahl, vor allem durch den Zulauf aus dem Kleinbürgertum, und dem wachsenden Prestige aus den die Republik wenigstens zeitweise rettenden sowjetischen Waffenlieferungen, zur einflussreichsten politischen Kraft geworden. Die Ablehnung der sozialen Revolution war ein Zugeständnis an die nationale Bourgeoisie, vor allem aber an die westlichen Demokratien, die der Spanischen Republik trotzdem ihre Solidarität verweigerten. Auch die Sowjetunion, die neben Mexiko als einziger Staat die Republik unterstützte, hatte aus außenpolitischen Erwägungen kein Interesse daran, die soziale Revolution in Spanien zu fördern. Denn ein sozialistisches Spanien hätte das angestrebte Bündnis der kollektiven Sicherheit gegen den Faschismus gestört. Die Devise war: Erst den Krieg gewinnen und dann die Revolution machen.

Mit der Bildung der Spanischen Volksarmee, die trotz des Namens eine bürgerliche Armee blieb, wurden das Milizsystem abgeschafft, strenge und hierarchische Befehlsstrukturen eingeführt, die Freiwilligkeit durch die Wehrpflicht ersetzt und die Milizen in die Armee eingegliedert. Die radikale Linke sah sich vor allem durch die gewaltsame Auflösung von Räten und Kollektivwirtschaften ihres Ziels der sozialen Revolution beraubt. Die Atmosphäre nahm einen explosiven Charakter an, als in Barcelona beschlossen wurde, am 1. Mai 1937 auf die traditionellen Demons-trationen zu verzichten.

Es war der Funke im Pulverfass, als am 3. Mai auf Befehl des kommunistischen Polizeichefs von Barcelona die Guardia de asalto versuchte, das laut Kollektivierungsdekret vom Oktober 1936 gemeinsam von der CNT, der sozialistischen UGT (Unión General de Trabajadores) und einem Vertreter der katalanischen Regierung, der Generalitat, verwaltete Gebäude der »Telefónica« an der Plaça de Catalunya zu stürmen. Befohlen hatte diese Aktion der Innenminister, ohne die Generalitat zu informieren. Das Resultat der Provokation waren nicht nur tagelange Kämpfe mit den Truppen der von Madrid nach Valencia übersiedelte Zentralregierung. Als mit Federica Montseny und Garcia Oliver zwei anarchistische Minister zur Einstellung der Kampfhandlungen aufriefen, reagierten die Mitglieder der CNT-FAI auf diesen erneuten Kompromiss mit Empörung, waren doch schon Ministerposten für die anarchosyndikalistische Basis schwer vermittelbar. Die Macht der CNT wurde gebrochen. Das bedeutete auch das Ende der sozialen Revolution. Außenpolitisch genutzt hat das indes nicht, denn die bürgerlichen Demokratien Europas verweigerten auch weiterhin der Republik ihre Unterstützung.

Alle diese Probleme standen im Mittelpunkt eines am 6. Mai in Berlin unter dem Motto »Soziale Revolution oder bürgerliche Demokratie?« stattgefundenen Symposiums, zu dem die Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Verein »Kämpfer und Freunde des Spanischen Republik 1936-1939« (KFSR), die Zeitschrift »Telegraph« und der Karl-Dietz-Verlag eingeladen hatten. Zu den Referenten gehörten unter anderem Kerstin Hommel (Berlin), der Vorsitzende des KFSR, Harald Wittstock (Berlin), Reiner Tosstorff (Frankfurt am Main), Michael Uhl (Tübingen) und Dieter Nelles (Wuppertal). Zu hoffen ist, dass die Beiträge bald veröffentlicht werden. Und es sei hier nicht unerwähnt, dass diese Zeitung, das »neue deutschland«, die Veranstaltung solidarisch unterstützte.

Neuerscheinungen zum Thema:

Werner Abel (Hg.): Pasaremos. Reprint der Zeitschrift der XI. Brigade. Karl Dietz Verlag. 448 S., geb., 39,90 €.

Augustin Souchy: Die tragische Woche im Mai 1937. Hg. von Wolfgang Haug. Edition AV. 169 S., geb., 18 €.

Quelle: neues deutschland, nd, Berlin-Ausgabe vom Samstag, 13. Mai 2017, Seite 27

Redaktion KFSR

Redaktion KFSR