„Aus Graz und Zürich. Zwei neue Bücher zum Spanienkrieg“. Von Werner Abel.

„Aus Graz und Zürich. Zwei neue Bücher zum Spanienkrieg“. Von Werner Abel.

Romy Günthart/ Erich Günthart, Spanische Eröffnung 1936. Rotes Zürich, deutsche Emigranten und der Kampf gegen Franco, Chronos Verlag, Zürich 2017*

 Georg Pichler/ Heimo Halbrainer (Hg.) Camaradas. Österreicherinnen und Österreicher im Spanischen Bürgerkrieg 1936-1939, CLIO Graz 1017*

Die Schweiz war das erste demokratische Land und das vierzehnte Land nach einer Reihe von Diktaturen wie Deutschland, Italien, Portugal, Ungarn usw., das Franco-Spanien diplomatisch anerkannte. Das war auch die logische Konsequenz jener Überwachung und strafrechtlichen Konsequenz, mit der die Behörden der Schweiz die   Solidarität ihrer Bürger und Organisationen mit der durch die von den putschenden Generälen bedrohten Zweiten Spanischen Republik verfolgten. Schon am 14. August 1936 erließ der Schweizer Bundesrat zwei Beschlüsse, von denen der eine die Ausreise nach Spanien, der andere die Überweisung von Spenden und die Entsendung von Waffen und Gerät verbot. Betroffen waren aber nicht nur die Bürger der Schweiz, sondern in der Eidgenossenschaft lebende Emigranten, vor allem solche, die aus Nazi-Deutschland geflohen waren. Als sich Jahre nach dem Tod Walter Günthardts Sohn und Enkeltochter dafür interessieren, wie dieser einfache Arbeiter zu einer Originallithographie von Heinrich Zille gekommen war, machen sie eine interessante Entdeckung: Günthardt hatte das Bild von Ludwig Renn geschenkt bekommen, der vor seiner heimlichen Abreise nach Spanien bei ihm Unterschlupf bekommen hatte. Renn hat in seinem tagebuchartigen „Spanischen Krieg“ die Zeit in der Schweiz kaum erwähnt, deshalb ist es besonders wichtig, dass die Güntharts nun erstmals dessen Polizeidossiers und Verhörprotokolle veröffentlichen. Aber nicht nur die Akte Renn wird veröffentlicht, sondern, und das macht das Buch für Deutschland so wichtig, auch die Akten von Hans Marchwitza und Hans Kahle. Gerade deren Schweizer Dossiers waren bis dato in Deutschland noch unbekannt. In der aktuellen Kahle-Biographie von Jakob Taube fehlt das Schweizer Dossier komplett. Kahle war am 19. April 1933 in die Schweiz geflohen und mit einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung und der Auflage, sich nicht politisch zu betätigen, als politischer Flüchtling anerkannt worden. Als die Polizei jedoch durch eine lückenlose Überwachung, durch Verhöre und Haussuchungen dahinterkam, dass er Kurse bei der Zürcher Marxistischen Arbeiterschule (MASCH) gab, musste er bis zum 5. April 1934 die Schweiz verlassen und erhielt eine dreijährige Einreisesperre. Er emigrierte nach Frankreich und gehörte später dem Organisationskomitee der Internationalen Brigaden an. Auch Hans Beimler hatte vor seiner Abreise über Frankreich nach Spanien eine Zeit lang in der Schweiz gelebt. Im August 1936 hatten er, Hans Marchwitza und Ludwig Renn sich konspirativ mit Schweizer Kommunisten getroffen, um die Reise von Spanienfreiwilligen und Solidaritätsaktionen zu organisieren. Marchwitza war illegal eingereist, denn er hatte 1933 zunächst eine Aufenthaltsbewilligung bekommen, dann aber war der Polizei bekannt geworden, dass er unter falschem Namen in die KP der Schweiz eingetreten war, was zu seiner Ausweisung führte. Renn wiederum zog von Quartier zu Quartier und arbeitete, protegiert von dem bekannten Verleger Emil Oprecht, an seinem Roman „ Vor großen Wandlungen“. Er hatte sein Manuskript nach Moskau an die KPD-Vertretung geschickt und von Wilhelm Pieck einen Verriss bekommen, so z.B. auch wegen der „eines Kommunisten unwürdigen Hervorhebung der Homosexualität“. Das Manuskript erschien unverändert bei Oprecht.

Den Güntharts ist ein hochinformatives, spannendes Buch gelungen, das nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Spanien spielt. Es erzählt auch vom antifaschistischen Widerstand der Schweizer Arbeiterbewegung. Besonders wichtig ist, dass an den damals bekannten, heute eher vergessenen linken Intellektuellen Hans Mühlestein erinnert wird, der viel für das republikanische Spanien getan hat, aber noch mehr hätte tun können, wäre er nicht von den Schweizer Behörden in Permanenz daran gehindert worden.

Ludwig Renn war am 31. Oktober 1936 mit einer unbefristeten Einreisesperre in die Schweiz belegt worden. Genau zwanzig Jahre später wurde diese Sperre auf seinen Antrag hin aufgehoben.

 

Vom 5. Bis 7. Oktober 2016 fand unter dem Titel „Camaradas. Österreicherinnen und Österreicher im Spanischen Bürgerkrieg 1936-1939“ in internationales Symposion in Graz statt, das an eine gleichnamige, 2017 auch in Berlin gezeigte Ausstellung anschloss. Eröffnet wurde das Symposion mit einem Vortrag von Georg Pichler von der Universität Alcalá de Henares über die Präsenz des Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur in der spanischen Gesellschaft und über den Kampf der Erinnerungen zwischen dem republikanischen und dem franquistischen Lager, der trotz antidiktatorischer Gesetze und Initiativen längst nicht beendet ist. Obwohl ein großer Teil des Symposions österreichischen Biographien gewidmete war, befassten sich mehrere Beiträge, die auch in dem hier angezeigten Konferenzband enthalten sind, mit den internationalen Dimensionen dieses Konflikts. Die Öffnung der ehemals sowjetischen Archive, vor allem des Komintern-Archivs, in dem die Dokumente der Internationalen Brigaden gelagert sind, erlauben völlig neue Sichten auf die wohl effizienteste Aktion in der Geschichte der Kommunistischen Internationale, der es zu danken war, das kampfstarke internationale Einheiten zur Unterstützung der bedrohten Spanischen Republik organisiert werden konnten. Dass das nicht im konfliktfrei verlief und dass bei aller Unterstützung auch die außenpolitischen Interessen der Sowjetunion berücksichtig werden mussten, dokumentiert Barry McLaughlin von der Universität Wien. Stalin hätte, wäre er nach der massiven Unterstützung der Franquisten durch die faschistischen Mächte Deutschland und Italien auf den Positionen des im August 1936 von 24 Staaten abgeschlossenen Nichteinmischungsvertrags stehengeblieben, sein Gesicht in der revolutionären und der Arbeiterbewegung verloren und musste die Spanische Republik deshalb propagandistisch und militärisch unterstützen. Da es aber die Jahre 1936 bis 1938 waren, in denen der „Große Terror“ die Sowjetunion verändern sollte, war sein Hauptaugenmerk eher auf die Innenpolitik der Sowjetunion gerichtet. Die SU schickte wohl knapp über 2000 Spezialisten nach Spanien, mit allem anderen wurde die Komintern betraut. Welche Komplikationen das mit sich brachte, zeigt McLaughlin an der ambivalenten Rolle des Komintern-Beauftragten André Marty, der sich als Vorsitzender des Kriegsrats der Internationalen Brigaden zunehmend in die spanische Politik, aber auch in militärische Angelegenheiten der Brigadeführungen mischte. Es wird auch weiterhin kontrovers diskutiert werden, ob die Politik der Komintern, der Verteidigung der bürgerlichen Republik den Vorrang vor der Vertiefung der sozialen Revolution zu geben, richtig war. Nutznießer dieser Politik war allerdings die KP Spaniens, die innerhalb von zwei Jahren ihre Mitgliederzahl von 14.000 (Frühjahr 1936) auf 260.000 (Mai 1938) steigern konnte. Dadurch stieg ihr Selbstbewusstsein, außerdem galt es, den Grundsatz der Komintern durchzusetzen, dass in einem Land nur eine kommunistische Partei existieren dürfe. Um die Existenz zahlloser Parteivertretungen beim ZK der KP Spaniens zu beenden, wurde von jedem kommunistischen Interbrigadisten gefordert, um Mitgliedschaft in der KP Spaniens anzusuchen. Dafür wurde die einflussreiche Kommission für ausländische Kader beim ZK der KP Spaniens gegründet, über die der Verfasser dieser Zeilen referierte.

Unter der Überschrift „Hundert Sprachen, doch ein Wille“ referierte Michaela Wolf über das Dolmetschen bei den Internationalen Brigaden und die Frage, wie die Menschen aus über fünfzig Ländern miteinander kommuniziert haben. War zunächst die Verkehrs- und Kommandosprache Französisch, wurde diese dann nach und nach durch Spanisch abgelöst. Ein bleibendes Faszinosum aber wird die mehrsprachige Presse und Literatur der Internationalen Brigaden bleiben.

Mit diesem Kontext beschäftigt sich auch der Beitrag von Christof Kugler, Frankfurt/M., der mit seiner Sammlung von Literatur aus und zum Spanischen Bürgerkrieg, einer der vermutlich besten international, diese Themen illustrierte und der Frage nachgeht, wie eine derartige private Sammlung entsteht. Die Antwort findet er in Bibliophilie, Sammelleidenschaft und Begeisterung für ein Thema. Wer ihn kennt und wer ihn gehört bzw. seinen Beitrag gelesen hat, wird schnell merken, wie gut ihm die Symbiose aus diesen drei Elementen gelungen ist.

Etwa 1400 Österreichinnen und Österreicher kämpften an der Seite der Spanischen Republik, 235 fielen auf spanischem Boden, 84 kamen in Konzentrationslagern und im antifaschistischen Widerstand um. Weltberühmt durch ein Buch Egon Erwin Kischs wurde der Bauer Max Bair aus Tirol, der seine drei Kühe verkaufte, um in Spanien gegen Franco kämpfen zu können. Max Bair lebte übrigens seit 1950 in der DDR.

Werner Abel 

* Die Rezension ist in den“Informationen. Wissenschaftliche Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand“, Heft 87, Juni 2018, erschienen.

Die Redaktion dankt dem Autor für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung der Rezension.

Romy GünthartErich Günthart, Spanische Eröffnung 1936. Rotes Zürich, deutsche Emigranten und der Kampf gegen Franco; Gebunden, 208 Seiten, 21 Abbildungen s/w., ISBN 978-3-0340-1375-8. CHF 32.00 / EUR 30.00.

Verlagtext: Im Juli 1936 putschten Teile der spanischen Armee gegen die republikanische Regierung. Dieser Aufstand war der Beginn eines dreijährigen blutigen Bürgerkriegs.

Das Buch erzählt die Geschichte von deutschen Antifaschisten, Zürcher Arbeitern und Schweizer Intellektuellen, die im August in Zürich zusammenfanden, um sich für das republikanische Spanien zu engagieren. Es präsentiert neue Quellen zu Ludwig Renn, Hans Kahle und Hans Marchwitza, die in den 1930er-Jahren in der Schweiz politisches Asyl erhalten hatten und in Spanien eine bedeutende Rolle bei den Interbrigaden spielten. Damit wird eine wichtige Lücke in deren Biografien geschlossen. Das Buch wirft auch ein neues Licht auf den Militärstrafprozess gegen Hans Mühlestein und Rudolf Sigg, die im Dezember 1936 als erste Schweizer wegen «Vorschubleistung zur Spanienfahrerei» respektive «Teilnahme an den Feindseligkeiten in Spanien» verurteilt wurden. Am Beispiel der beiden Spanienfreiwilligen Otto Brunner und Heinrich Bräm sowie von Walter Günthardt, dessen Wohnung deutschen Emigranten als zeitweiliger Unterschlupf und Anlaufstelle diente, wird gezeigt, wie sich Zürcher Arbeiter am Kampf gegen den europäischen Faschismus beteiligten.
Die Autorin und der Autor, Enkelin und Sohn von Walter Günthardt, konnten aus einem reichen Quellenfundus schöpfen.

Georg Pichler / Heimo Halbrainer (Hg.): Camaradas. Österreicherinnen und Österreicher im Spanischen Bürgerkrieg 1936–1939. 348 S. u. zahlr. Farbfotos und Dokumenten. ISBN 978-3-902542-56-4, Euro 25,00.

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Verlagtext: 80 Jahre nach Beginn des Spanischen Bürgerkriegs unternimmt das Buch den Versuch, eine Leerstelle im sozialen Gedächtnis Österreichs zu füllen und aus einer interdisziplinären Perspektive über die Teilnahme der rund 1.400 Österreicher und Österreicherinnen nachzudenken. Neue Erkenntnisse in der internationalen Aufarbeitung des Themenbereichs, die Öffnung russischer Archive und die jüngsten Forschungsergebnisse zur österreichischen Geschichte der dreißiger und vierziger Jahre erlauben es, einen neuen Blick auf das Thema zu werfen. Im Rahmen der gedächtnispolitischen Debatte um den Stellenwert des Bürgerkriegs in der spanischen und europäischen Geschichte werden Themenkomplexe wie die künstlerische und literarische Verarbeitung, der Beitrag der Frauen, Übersetzen und Dolmetschen, ideologische Aspekte innerhalb der Internationalen Brigaden oder die Teilnahme von Österreichern auf Seiten der aufständischen Generäle behandelt.

Mit Beiträgen von Werner Abel, Benito Bermejo, Günter Eisenhut, Linda Erker, Irene Filip, Joachim Gatterer, André Getreuer-Kostrouch, Erich Hackl, Heimo Halbrainer, Ernest Kostrouch, Christoph Kugler, Jakob Matscheko, Barry McLoughlin, Reinhard Müller, Georg Pichler, Karl Wimmler, Michaela Wolf

Redaktion KFSR

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