„Loblied auf einen Kommunisten“ – Von John McCain – der Spanische Bürgerkrieg und der Letzte der Lincoln-Brigade

Senator McCain, der Spanische Bürgerkrieg und der Letzte der Lincoln-Brigade (1)

Am 24. März 2016 veröffentlichte die New York Times einen Beitrag zum Tode des vermutlich letzten US-amerikanischen Interbrigadisten, Delmer Berg, verfasst ausgerechnet von Senator McCain (2). John McCain, Jahrgang 1936, ist seit Jahrzehnten Senator für Arizona und unterlag als republikanischer Präsidentschaftskandidat 2008 Barack Obama. Zwar wurde er auch schon vom rechten Flügel seiner Partei kritisiert, aber er hat eine unverkennbare Affinität zum Militär. Sein Vater wie auch sein Großvater waren Admirale der US-Marine, und er selber wurde als Kampfpilot im Vietnamkrieg abgeschossen und war längere Zeit in vietnamesischer Kriegsgefangenschaft. Handelt es sich bei seinem Beitrag über den Interbrigadisten Delmer Berg um das Mißverständnis eines alten Militaristen oder um einen Ausdruck tatsächlicher Affinität mit Berg, wenngleich wohl eher emotionaler als politischer? Wir präsentieren eine Übersetzung des Beitrags des Senators. –  eingeführt von Jens Rüggeberg

Ehrenbezeugung für einen Kommunisten (3)

Von John McCain

„Wem die Stunde schlägt“ war mein Lieblingsroman, und sein Held, Robert Jordan, mein literarisches Vorbild. Wie er kämpfte Delmer Berg in Spanien – aus Menschenliebe.

Kürzlich erschien ein interessanter Nachruf (4) in der New York Times, obwohl der Tod des Betreffenden im letzten Monat außerhalb seiner Familie und seines Freundeskreises weithin unbemerkt geblieben war.

Das war nicht überraschend. Denn Delmer Berg war keine Berühmtheit. Er besaß keinen großen Reichtum oder Einfluss. Er hatte niemals ein öffentliches Amt inne. Er stammte aus Kalifornien. Er arbeitete als Landarbeiter und Steinmetz. Er half mit, Leute in der Gewerkschaft zu organisieren. Er war Vizepräsident des Ortsvereins der NAACP [National Association for the Advancement of Colored People – schwarze Bürgerrrechtsorganisation]. Er protestierte gegen den Vietnamkrieg und gegen Atomwaffen. Er trat 1943 der kommunistischen Partei der USA bei, und, so jedenfalls die New York Times, er blieb ein „unverbesserlicher Kommunist“ für den Rest seines Lebens. Er wurde 100.

Soweit bekannt, war er der letzte noch lebende Veteran der Abraham-Lincoln-Brigade.

Nur wenige Amerikaner unter 70 wissen viel über die Lincoln-Brigade. Das wurde als Bezeichnung für die nahezu 3.000 überwiegend amerikanischen Freiwilligen gewählt, die 1937 und 1938 im Spanischen Bürgerkrieg kämpften. Sie kämpften auf Seiten der Republik, um die demokratisch gewählte linksorientierte Regierung zu verteidigen, und gegen die Nationalisten, die militärischen Aufständischen, die von General Fransisco Franco angeführt wurden.

Die Nationalisten behaupteten, ihre Gründe seien der Antikommunismus und die Wiederherstellung der Monarchie, und die Republikaner bekannten, für den Erhalt der Demokratie zu kämpfen. Faschisten führten die Ersteren an, während Kommunisten, und zwar sowohl deren zynische als auch deren naive Spielart, Kontrolle über die Letzteren anstrebten. Und in das republikanische Lager strebten Freiheitskämpfer aus dem Ausland.

Die Lincoln-Brigade wurde ursprünglich Bataillon genannt. Es war eine von mehreren Freiwilligeneinheiten, aus denen sich die Internationalen Brigaden zusammensetzten. Das war der Name, der den zehntausenden von ausländischen Freiwilligen gegeben war, die aus dutzenden von Ländern kamen. Sie wurden von der Komintern, der von den Sowjets kontrollierten internationalen kommunistischen Organisation, organisiert und im Wesentlichen geführt. Francos Nationalisten hingegen wurden von Nazideutschland und Mussolinis Italien unterstützt.

Spanien wurde zur Bühne, auf der die drei mächtigsten Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts, Kommunismus, Faschismus und Selbstbestimmungsrecht der Völker, ihren Krieg begannen, der mehr als ein halbes Jahrhundert andauerte, bis die Verteidiger der Freiheit und ihr Champion, die Vereinigten Staaten, die Oberhand gewannen.

Nicht alle Amerikaner, die in der Lincoln-Brigade kämpften, waren Kommunisten. Viele aber waren es, darunter auch Delmer Berg. Andere hingegen waren einfach deshalb gekommen, um gegen die Faschisten zu kämpfen und die Demokratie zu verteidigen. Aber selbst viele Kommunisten, wie auch Delmer Berg, glaubten, sie seien in erster Linie Freiheitskämpfer, die Leib und Leben in einem Lande opfern, über das sie wenig wussten, für ein Volk, das sie niemals kennengelernt hatten.

Man könnte sie als Romantiker betrachten, die in einer zum Scheitern verurteilten Angelegenheit kämpften, die aber wesentlich bedeutsamer war als ihr bloßer Eigennutz. Und obwohl Delmer Berg sich mit einer Sache identifizierte, die mehr Leid schuf als linderte und sogar, sich dem Staat unterwerfend, die menschliche Würde aufgab, dem Kommunismus nämlich, habe ich immer Bewunderung für ihren Mut und ihr Opfer in Spanien gehegt.

Ich habe auf diese Weise empfunden, seit ich als Junge von 12 Hemingways „Wem die Stunde schlägt“ in meines Vaters Arbeitszimmer las. Es ist meine Lieblingserzählung, und ihr Held, Robert Jordan, der Lehrer aus dem Mittleren Westen, der in Spanien kämpfte und starb, wurde in der Literatur mein Lieblingsheld. In der Erzählung beginnt Jordan, die Sache als vergeblich zu betrachten. Er war zynisch bei der Bewertung ihrer Führer und misstrauisch gegenüber den sowjetischen Funktionären, die Einfluss zu nehmen versuchten.

Aber in der Schlussszene des Buches wählt der verletzte Jordan den Tod, um ein paar arme spanische Seelen zu retten, neben denen und für die er gekämpft hatte. Und Jordans Angelegenheit war nicht länger der Zusammenstoß von Ideologien, sondern ein edles Opfer aus Menschenliebe.

„Die Welt ist so schön und wert, dass man um sie kämpft,“ denkt Jordan, während er auf den Tod wartet, „und ich verlasse sie nur ungern.“ (5) Aber er verließ sie. Bereitwillig.

Mr. Berg ging als sehr junger Mann nach Spanien. Er kämpfte in einigen der größten und folgenreichsten Schlachten des Krieges. Er erlitt Verwundungen. Er sah Freunde sterben. Er wusste, dass er sein Leben für eine verlorene Sache ausgelöst hatte, für Leute, die Fremde für ihn waren, aber denen gegenüber er sich verpflichtet fühlte und die er nicht im Stich lassen wollte. Danach kam er zurück nach Hause, machte sich mit einem Zement- und Steinmetzbetrieb selbständig und kämpfte für die Dinge, an die er für den Rest seines langen Lebens glaubte.

Ich selbst glaube an die meisten Dinge, die Delmer Berg tat, nicht, mit Ausnahme des folgenden: Ich glaube, wie Donne (6) schrieb, „niemand ist eine Insel, niemand ist ganz für sich allein.“ (7) Er ist „Teil der ganzen Menschheit.“ Und ich glaube, „dass der Tod eines jeden Menschen mich geringer werden lässt, weil ich zur gesamten Menschheit dazugehöre.“

So war Mr. Berg. Er brauchte nicht zu wissen, für wen die Glocke schlug. Er wusste, dass sie für ihn schlug. Und ich ehre ihn. Möge er in Frieden ruhen.

Soweit John McCain. Was der Senator unerwähnt lässt, sind die Drangsalierung der Veteranen der Lincoln-Brigade, sofern sie den Spanischen Bürgerkrieg überlebt hatten, durch das FBI und das House Un-American Activities Committee (HUAC – Ausschuss des Repräsentantenhauses für unamerikanische Aktivitäten, eine Einrichtung, der zahlreiche Kommunisten und solche, die man dafür hielt, zum Opfer fielen). Diesen Vorwurf erhob Chip Gibbons am 30. März 2016 auf der Internetseite des Bill of Rights Defense Committee. (8) Er schilderte auch die Repressionen, denen Delmer Berg ausgesetzt gewesen war, und versäumte nicht zu erwähnen: „Eine Blechdose mit der Aufschrift ‚Rettet die Kinder der Spanischen Republik‘ wurde als Beweismaterial gegen Julius und Ethel Rosenberg während ihres Prozesses wegen des Vorwurfs der Verschwörung zur Spionage verwendet.“ (9)

Die „New York Times“ hingegen veröffentlichte immerhin am 28. März 2016 (10) folgenden Leserbrief von Larry Kressley (11) :

Leserbrief von Kressly

„Es kommt nur selten vor, dass ich John McCain bei einem Thema zustimme, und noch seltener, dass wir Helden gemeinsam haben. Aber sein Artikel vom 25. März, „Der gute Soldat“, der nicht anerkannten Helden der „größten Generation“ Tribut zollt – den Amerikanern, die in der ersten Abwehrstellung gegen den Faschismus kämpften und oftmals starben – war ein derartiges seltenes Ereignis.

In einer Zeit, in der viele Amerikaner die ansteigende faschistische Flut in Europa unterstützen, gingen die Mitglieder der Lincoln-Brigade freiwillig nach Spanien, um in einem der edelsten Kämpfe des Zwanzigsten Jahrhunderts zu fechten. Die Lincoln-Brigade ist schon lange eine Inspirationsquelle für mich und Mitglieder Helden. Dass Senator McCain ihnen Tribut zollte, war so verdient wie für mich überraschend.“

(1)Einleitung und Übersetzung: Jens Rüggeberg

(2) Abrufbar: http://www.nytimes.com/2016/03/25/opinion/john-mccain-salute-to-a-communist.html?_r=0

(3) In der New Yorker Printausgabe der Zeitung vom 25.März 2016 erschien McCains Beitrag unter der Überschrift „Ein guter Soldat“.

(4) Abrufbar unter: http://www.nytimes.com/2016/03/03/us/delmer-berg-last-survivor-of-abraham-lincoln-brigade-dies-at-100.html

(5) Zitiert nach der „klassischen“, zuerst 1941 bei Bermann-Fischer in Stockholm erschienen Übersetzung von Paul Baudisch (Hemingway, E., Wem die Stunde schlägt, Band 3 der Gesammelten  Werke in zehn Bänden, Reinbek 1977, S. 451).

(6) John Donne, 1572-1632, englischer Schriftsteller und Dichter. Sein Gedicht „For whom the bell tolls“ („Wem die Stunde schlägt“) ist Hemingways Roman vorangestellt und gab ihm den Titel.

(7) Hildebrandt präsentiert noch eine alternative Übersetzung: „Kein Mensch ist ein Ich-Land, begrenzt in sich selbst.“ Und er schreibt zu den Schwierigkeiten bei der Übersetzung des Gedichts. (Hildebrandt, Dieter, Die Herkunft eines Bestseller-Titels: Warum niemand eine Insel ist, in: DIE ZEIT; 29.08.1975, im Internet abrufbar unter: http://www.zeit.de/1975/36/warum-niemand-eine-insel-ist )

(8) Abrufbar unter http://bordc.org/news/mccains-surprising-tribute-to-abraham-lincoln-brigade-forgets-history-of-fbi-harassment/

(9) Die Veröffentlichung der Übersetzung des Artikels „McCains surprising tribute to Abraham Lincoln Brigade forgets history of FBI harresmaent“ erfolgt später.

(10) In der Print-Ausgabe einen Tag später.

(11) Abrufbar unter http://www.nytimes.com/2016/03/29/opinion/lincoln-brigade-homage.html

Nationale und internationale Reaktionen auf den Tod von Delmer Berg

Deutsch

Der letzte Spanienkämpfer der Abraham-Lincoln-Brigade: Delmer Berg ist am 28. Februar 2016 im Alter von 100 Jahren gestorben (scharf links – online-Zeitung)

Kolumne „Loblied auf einen Kommunisten“ – Von John McCain (Blätter für deutsche und internationale Politik 5/2016)

Das Blättchen – Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft 19. Jahrgang | Nummer 10 | 9. Mai 2016

Englisch
Delmer Berg, last surviving American volunteer of Spanish Civil War, dies at 100 (Emily Langer, Washington Post)

The Death of the Last Veteran of the Lincoln Brigade (David A. Graham, The Atlantic)

Bombed by Nazi pilots, Before WWII (Adam Hochschild, op-ed LA Times)

Delmer Berg, Last of American Volunteers in Spanish Civil War, Dies at 100 (Sam Roberts, New York Times)

Columbia man who fought fascists in Spain dies at 100 (John Holland, The Modesto Bee)

News highlights, March 2, 2016 (Democracy Now!)

Spanisch
A vivir que son dos días (Radio interview with Javier del Pino, Cadena Ser)

Television Interview (Mikel Reparaz, ETV Basque TV)

Muere el último combatiente de la brigada Lincoln en la Guerra Civil (P.X. De Sandoval, El País)

Redaktion KFSR