Am 28. Juni vollendet Fritz Schmid, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, sein 100. Lebensjahr.

Am 28. Juni vollendet Fritz Schmid, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, sein 100. Lebensjahr. Fritz Schmid auch Mitglied des KFSR 1936-1939 e.V. stellte sich kürzlich den Fragen von Karlen Vesper vom „neuen deutschland“.

Fritz Schmid erzählt von seiner Zeit im Widerstand. Foto: nd/Anja Märtin

 

„Es hat ihm fast das Herz zerrissen

Warum Fritz Schmid zwei Kameraden zum Überlaufen ermunterte, aber selbst nicht desertierte. Von Karlen Vesper

Er ist nicht aufgeregt. Gelassen sieht er dem Ereignis in zehn Tagen entgegen. Fritz Schmid vollendet am 28. Juni sein 100. Lebensjahr. Gefeiert wird in einem Pankower Seniorenheim, »mit Kaffee und Kuchen«.

Vor 75 Jahren war ihm nicht nach feiern zumute. Klar, die Kameraden gratulierten ihm. Und sie waren euphorisch. Sechs Tage zuvor, am 22. Juni 1941, sind sie mit voller Montur, begleitet von rasselnden Panzern und über ihren Köpfen dröhnenden Bombergeschwader, in das Land eingefallen, in dem »der Untermensch« lebte, wie ihnen schon in der Schule weisgemacht worden ist. Es ging zügig voran. »Schon am ersten Tag legten wir 50 Kilometer zurück«, berichtet Fritz Schmid. Ein »Blitzkrieg« wie in Polen, wie in Frankreich. Zu Weihnachten spätestens würde man vor den Toren Moskaus stehen. Glaubten sie. Nicht Fritz Schmid. Er war skeptisch. Und hoffte, sich nicht zu irren. Ihm blutete das Herz. Vor Schmerz und Scham. Doch er konnte sich den Kameraden nicht anvertrauen.

»Der Befehl kam abends. Uns wurde mitgeteilt, dass es in aller Frühe am nächsten Morgen losgeht. Da ging mir allerhand durch den Kopf. Ich war ja Antifaschist. Schon als Roter Falke und dann bei den Jungkommunisten habe ich mich mit der Hitlerjugend gekloppt.« In Hitlers verbrecherischen Krieg ziehen zu müssen, »stank« Fritz Schmid gewaltig. Damals an der Ostfront gehörte er mit seinen 25 Lenzen schon zu den »Alten« in der Truppe. Denn er war bereits im September 1939 beim sogenannten Polenfeldzug dabei. Und im Mai des folgenden Jahres marschierte er in Frankreich mit ein. Überall fühlte er sich unbehaglich, nicht willkommen, gehasst als Besatzungssoldat. Was er sehr gut verstehen konnte. »Ich habe mich gefreut, als die 6. Armee von Paulus im Februar 1943 in Stalingrad kapitulieren musste und geschlossen in die Gefangenschaft trabte. Das wurde im offiziellen Wehrmachtsbericht bekanntgegeben. Aber ich konnte keinem sagen, dass ich jubelte. Das hat mir fast das Herz zerrissen.«

Fritz Schmid hatte Glück im Kriegsunglück. Er war nicht bei der kämpfenden Truppe. Den gelernten Metallarbeiter hatte man der Waffenmeisterei zugeordnet. »Ich musste nicht auf Menschen schießen«, beteuert der Veteran. »Und wat willste jetzt noch wissen?« So viel wie möglich natürlich. Seine Erinnerungen sind kostbar. Denn es werden immer weniger, die authentisch Zeugnis ablegen können. Ich muss Fritz Schmid jedoch regelrecht löchern. Der Urberliner ist keine Plaudertasche. Und wer erinnert sich schon gern an einen Krieg, zumal den mörderischsten aller Zeiten? Fritz Schmid antwortet kurz und bündig, ohne Ausschweifungen und Ausschmückungen. Und endet jedesmal mit der erfrischenden Ermunterung: »Wat willste noch wissen?«

Ich will Näheres zum Tag des Überfalls der faschistischen Wehrmacht auf die Sowjetunion wissen. »Ich war bei einem Infanteriebataillon am nördlichen Frontabschnitt und in verhältnismäßig angenehmer Lage. Als Waffenmeistergehilfe fuhr ich auf einem Lkw. Die anderen mussten alle laufen.« Begegnete er schon am ersten Tag Rotarmisten? Ja, gefangen genommenen Grenzwachen. »Die haben sie im Schlafanzug aus ihren Betten geholt. Die waren total überrascht. Dann haben unsere Soldaten den Schlagbaum abgebrochen. Und es ging weiter.«

Schon vor dem Überfall und in den ersten Tagen danach gab es deutsche Überläufer. Auch in seinem Frontabschnitt? »Mehrere haben es versucht, sind aber erschossen worden. Die wollten durch den Bug schwimmen. Das machte keinen Sinn.« Unter welchen Umständen machte es Sinn? Und hat er selbst einmal erwogen, zur Roten Armee zu desertieren? »Ich habe zwei Kameraden angestiftet.« Wann und wo? Fritz Schmid erzählt:

»Das war im Winter 1941 zu 42. Wir haben oben an der Wolga Stellung bezogen. Eines Tages kam der Kompaniechef zu mir: ›Wir machen mal einen Kontrollgang.‹ Wir haben zwei Posten schlafend vorgefunden. Die hat der Hauptmann geweckt und angebrüllt: ›Das gibt mehr als einen Anschiss!‹ Er beauftragte mich, die beiden zu entwaffnen und auf sie aufzupassen. Er wollte neue Posten holen. Ich kannte die zwei schon Jahre und sagte denen: ›Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder lasst ihr euch verurteilen oder ihr flitzt rüber, zu den Russen.‹ Die beiden haben kurz überlegt und gesagt: ›Da gehen wir lieber rüber.‹ Nun war ich aber deren Aufpasser. Sie mussten mir also einen ordentlichen Kinnhaken verpassen. Ich lag besinnungslos im Schnee, als der Hauptmann zurückkam. Und die beiden waren schon längst weg.«

Wurde ihm die Geschichte seiner Überrumpelung vom Kompaniechef abgenommen? »Ja, weil er hat mir glauben wollen. Wir kannten uns auch schon länger und waren ein Jahrgang. Er hat dafür gesorgt, dass die Sache nicht an die große Glocke kam.« Warum ist Fritz Schmid bei der Gelegenheit nicht auch übergelaufen? »Konnte ick doch nicht.« Wieso nicht? »Weil ich im Widerstand war.« Eine Widerstandsgruppe in seiner Wehrmachtseinheit? »Nee, die Jenossen in Berlin brauchten mich. Ich hätte ihr Vertrauen missbraucht, wenn ich mich abgesetzt hätte.«

Sie waren zwölf, acht Jungs und vier Mädels. 1936 hatten sie sich in Berlin zu einer Widerstandsgruppe zusammengeschlossen. »Ohne einen Befehl von oben. Du weest, wat ick meene.« Ja, ich weiß. Ohne Auftrag eines Zen-tralkomitees oder Parteivorstandes. »Wir haben uns überlegt: Was können wir gegen Hitler und diese janze verruchte Bande machen? Man musste doch etwas machen.« Gesagt, getan. Fritz und seine Freunde fertigen Klebezettel mit antifaschistischen Parolen an, verteilen Flugblätter, sprechen mit Gleichaltrigen, bei denen sie Antipathien gegenüber dem krakeelenden »Führer«, morphiumsüchtigen Reichsfeldmarschall und demagogischen Reichsklumpfuß zu erkennen glaubten. Sie mussten vorsichtig sein, auf der Hut vor Gestapo-Spitzel.

Nach drei Jahren wurde die Gruppe auseinandergerissen, die jungen Männer wurden einberufen. Obgleich Hunderte Kilometer von einander entfernt, hielten sie die Verbindung aufrecht. Die daheim Gebliebenen wurden mit Informationen über Stärke, Stimmung und Stationen der Wehrmachtseinheiten und die Gegenwehr der Roten Armee versorgt. Dies aber eher nicht per Feldpost, nur manchmal über vereinbarte Codes. »Es gab ja die Zensur.« Aber jeder Fronturlaub wurde zu regem Austausch genutzt.

Und keiner flog auf? »Nein, keiner von uns. Zwei mussten aber zur Roten Armee überlaufen: Gerhard und Hermann. Sie bekamen einen Tipp: ›Passt auf, die suchen euch schon. Haut ab.‹ Wir hatten vereinbart, nur bei großer Gefahr zu desertieren. Die beiden waren dann im Nationalkomitee Freies Deutschland. Und Gerhard Rolack hat später, nach dem Krieg, die FDJ mitgegründet. Er war der Chef unserer Widerstandsgruppe, der politisch erfahrenste unter uns zwölf Jüngern«, sagt der Kommunist und Heide Fritz Schmid und lacht über die Anspielung auf die Apostel Jesu.

Er wagte viel, hat für die Genossen sogar Waffen geschmuggelt. »Sie fragten mich: ›Fritze, du bist doch in der Waffenmeisterei. Kannst du uns nicht ein paar Pistolen besorgen? Damit wir uns wehren können, falls wir geschnappt werden sollten.‹« Konnte er so einfach Waffen entwenden? »Einfach war das nicht. Aber bei mir ging das Zeug rein und raus. Und da hab ich ab und an mal keinen Eintrag gemacht. Wenn ich wieder in Berlin war, gab ich sie Heinz, der war mein Vertrauensmann. Hanni hatte eine Pistole von mir. Ihr Vater ist früh ins Zuchthaus gekommen, weil er für die Rote Hilfe gesammelt hat und denunziert wurde. Hanni wollte für den Fall der Fälle gewappnet sein.«

Auch Wehrpässe beschaffte Fritz Schmid. Wie kam er an diese ran? »Det war einfacher. Ich musste öfters mal den 1a Schreiber unserer Kompanie vertreten.« Was ist ein 1a Schreiber? »Einer, der für die Erkennungsmarken und Wehrausweise zuständig ist. Wenn ich unseren 1a Schreiber vertrat, habe ich Blankopässe stibitzt, mit Stempel drin.« Goldwert für die Genossen in Deutschland, sei es zur Tarnung von Kurieren, für von Verhaftung bedrohte Widerstandskämpfer oder sich dem Deportationsbefehl entziehende Juden. »Die Pässe gab ich auch Heinz.« Wie viele waren es? »Mal einer, mal drei. Ich konnte doch nicht gleich eine Kiepe voll mitnehmen! Das wäre aufgefallen. – So, und wat hast denn jetzt noch?«

Noch viele Fragen. Als was arbeitete er nach dem Krieg? »Als Neulehrer, aber nur drei Jahre. Pädagogisch konnte ich gut, aber das Theoretische war nicht mein Ding.« Über 30 Jahre war Fritz Schmid Lehrmeister bei Bergmann-Borsig. In der VVN-BdA Pankow ist er nicht der Älteste. Beim Abschied verspreche ich Fritz, zu seinem Ehrentag mal wieder vorbeizuschauen.“

Neues deutschland, Berlin-Ausgabe vom Samstag, 18. Juni 2016, Seite 19

 

Siehe auch:

180 Jahre Lebenserfahrung – Geburtstage von Friedrich Schmid und Ludwig Einicke

Redaktion KFSR