McCains überraschende Würdigung der Abraham-Lincoln-Brigade unterschlägt die Geschichte der Verfolgung durch das FBI. Von Chip Gibbons.

Am 24. März 2016 veröffentlichte die New York Times einen Beitrag zum Tode des letzten US-amerikanischen Interbrigadisten, Delmer Berg, verfasst unter dem Titel Ehrenbezeugung für einen Kommunisten“ ausgerechnet von Senator McCain. Was der Senator unerwähnt lässt, sind die Drangsalierung der Veteranen der Lincoln-Brigade, sofern sie den Spanischen Bürgerkrieg überlebt hatten, durch das FBI und das House Un-American Activities Committee (HUAC – Ausschuss des Repräsentantenhauses für unamerikanische Aktivitäten, eine Einrichtung, der zahlreiche Kommunisten und solche, die man dafür hielt, zum Opfer fielen). Diesen Vorwurf erhob Chip Gibbons am 30. März 2016 auf der Internetseite des Bill of Rights Defense Committee. Im Folgenden dokumentieren wir den Beitrag.
Einleitung: Jens Rüggeberg.

McCains überraschende Würdigung der Abraham-Lincoln-Brigade unterschlägt die Geschichte der Verfolgung durch das FBI
30. März 2016 von Chip Gibbons

(Titelfoto) Während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-39) reisten fast vierzigtausend Männer und Frauen aus zweiundfünfzig Nationen, einschließlich 2.800 Amerikanern, freiwillig nach Spanien, um sich den Internationalen Brigaden im Kampf gegen den Faschismus anzuschließen. Die US-Freiwilligen dienten in verschiedenen Einheiten und wurden zusammen als Abraham-Lincoln-Brigade bekannt. Quelle: ALBA

“Die negative Information über ihn bestand, wie ein Anwalt herausfand, darin, dass er seinerzeit der Kommunistischen Partei angehörte und sich während des Spanischen Bürgerkriegs bemüht hatte, in die Abraham-Lincoln-Brigade aufgenommen zu werden.” Kurt Vonnegut, Deadeye Dick 1

Es ist mehr als ein Jahrzehnt her, seit ich Venneguts Deadeye Dick erstmalig gelesen habe, aber ich erinnere mich, dass mir dieser Satz ins Auge sprang. Er hatte auf mich solch einen Eindruck gemacht, dass ich ihn fast auswendig aus dem Gedächtnis rekapitulieren konnte, selbst angesichts der Erkenntnis bei der Suche der Passage, dass ich die eigentliche Fabel des Romans vergessen hatte. Der Satz fiel mir auf, weil ich mir in Kenntnis der amerikanischen Geschichte bewusst war, welcher ununterbrochenen Unterdrückung Mitglieder der Kommunistischen Partei ausgesetzt waren: Im Alter von sechzehn Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, dass jemand das Bemühen, der Abraham-Lincoln-Brigade, einer Gruppe amerikanischer Freiwilliger beizutreten, die im Spanischen Bürgerkrieg an der Seite der Republikanischen Regierung gegen die durch Nazi-Deutschland und das faschistische Italien unterstützten Faschisten kämpften, als negative Information betrachten konnte. 2

Wenn man in der New York Times von letzter Woche Senator John McCains “Ehrenbezeugung für einen Kommunisten” las, konnte man einen ähnlichen Eindruck bekommen. Immerhin haben wir hier einen konservativen Republikanischen (der US-Spezies, nicht der spanischen) Senator, der recht würdigende Worte für jemanden findet, den er als einen “unverdorbenen Kommunisten” bezeichnet, weil er der Abraham-Lincoln-Brigade beitrat. Der nämliche Kommunist war Delmer Berg, das letzte bekannte überlebende Mitglied der Abraham-Lincoln-Brigade. Er verstarb kürzlich im Alter von 100 Jahren.*

Ein Vermächtnis der Unterdrückung
Doch ist Venneguts Schilderung der offiziellen Meinung zu Veteranen der Abraham-Lincoln-Brigade um 1944 ziemlich korrekt. Peter N. Carroll, Autor der Odyssee der Abraham-Lincoln-Brigade, erzählte dem Dissent NewsWire: “Senator McCains überraschender Tribut an die Abraham-Lincoln-Brigade erwies sich als seltene Würdigung des moralischen Muts jener 2.800 Amerikaner, die mit ihrem Kampf gegen den Faschismus während des Spanischen Bürgerkriegs den US-Neutralitätsgesetzen trotzten. Leider ist seine Wahrnehmung der rüden Reaktion seitens der Bundes- und Staatsbehörden bei ihrer Rückkehr sehr spärlich.”

Während progressive Kreise die Veteranen bei ihrer Rückkehr als Helden feierten, wurden sie durch konservative Elemente verleumdet und durch das Parlamentskomitee für Unamerikanisches Verhalten (HUAC) und das FBI, die auf Grund ihres üblichen Modus Operandi eng zusammenarbeiteten, ins Visier genommen. Diese Repression wurde nur umso intensiver, als der Kalte Krieg und die als “Zweite Rote Gefahr” bekannte Periode begonnen hatten.

Der Grad des Misstrauens, dem man während des Kalten Krieges im Zusammenhang wegen der einfachen Assoziation mit der Spanischen Republik ausgesetzt war, ist schwerlich zu unterschätzen. Die frühere Unterstützung für Gruppen, die Geld für medizinische Hilfe für die Spanischen Republikaner sammelten, wird von J. Edgar Hoover als subversive Handlung angebracht, für die sich der legendäre Filmemacher Orson Welles engagierte. Eine Blechbüchse mit der Aufschrift “Retten Sie ein Spanisches Republikaner-Kind” wurde als Beweis gegen Julius und Ethel Rosenberg in ihrem Prozess wegen Verschwörung mit dem Ziel der Verletzung des Spionagegesetzes herangezogen.

Frühe Antifaschisten, frühe Opfer des McCarthyismus
Die Unterdrückung kann jedoch nicht einfach den Exzessen des Kalten Krieges zugeschrieben werden. Carroll erinnert sich: “Als ehemaliger Brigadekommandeur sagte Milton Wolff einmal: “Man nannte uns ‘frühe Antifaschisten’ und wir wurden auch frühe Opfer des McCarthyismus”.”
Und tatsächlich berief das Komitee für Unamerikanisches Verhalten (HUAC) seine erste Anhörung zur Brigade im Jahr 1938 ein, als der Krieg noch im Gange war und US-Bürger noch in Spanien kämpften. Das führte weitere Anhörungen in den Jahren 1939 und 1940 durch. Und auch in der Eisenhower-Ära lud das HUAC noch immer Veteranen der Brigade vor.

1940 führte das FBI Razzien in den Büros der Veteranen der Abraham-Lincoln-Brigade durch. Die Razzien bezweckten die Untersuchung vorgeblicher Verletzungen des Neutralitätsgesetzes, doch waren ihre Motive und Absichten eindeutig politisch geprägt. Von diesem Punkt an überwachte, kontrollierte und verfolgte das FBI häufig Veteranen der Abraham-Lincoln-Brigade. Während sich im Jahr 1948 ein 163-seitiges FBI-Memorandum über Veteranen der Abraham-Lincoln-Brigade breit über Verbindungen der Brigade zur Kommunistischen Partei ausließ, wies Carroll im Dissent NewsWire darauf hin, dass “das FBI alle Veteranen verfolgte, unabhängig von deren politischen Ansichten.”

Unter den Verfolgten war der durch McCain gewürdigte Mann, Delmer Berg. Während das FBI in McCains Tribut an Berg keinerlei Erwähnung fand, war dies in vielen seiner Nachrufe der Fall. Die Associated Press erwähnt, auf Berg bezogen, die “ausgedehnten Erkundigungen des FBI”. Die Washington Post bringt die Dinge klarer auf den Punkt: “Herr Berg wurde durch das FBI während der antikommunistischen Inquisition von Senator Joseph R. McCarthy (R-Wis.) in den 1950-iger Jahren drangsaliert.”

Dazu: Der FBI kontrolliert und verfolgt noch immer Dissidenten.

Dies waren nicht die einzigen Formen der Vergeltung, denen sich die Veteranen der Abraham-Lincoln-Brigade ausgesetzt sahen. Sowohl die Abraham-Lincoln-Brigade selbst, als auch die Veteranen der Abraham-Lincoln-Brigade sowie Anti-Franco-Organisationen, die spanischen Flüchtlingen Hilfe leisteten, wurden in die Liste “Subversiver Organisationen” des Generalstaatsanwalts aufgenommen. Mitglied einer Organisation auf dieser Liste zu sein, bedeutete die Aberkennung der GI-Zuwendungen, des Zugangsrechts zum sozialen Wohnungsbau sowie den Entzug des Reisepasses.

Viele Veteranen der Abraham-Lincoln-Brigade meldeten sich zu Beginn des II. Weltkriegs zur US-Armee. Doch wurde ihnen verwehrt, gegen den Faschismus zu kämpfen, da die Militärs ihnen mit Misstrauen begegneten, sie systematisch diskriminierten und ihnen Kampfaufträge verwehrten, die sie gern übernommen hätten und für die sie gut geeignet waren.

Auch heute nimmt der Spanische Bürgerkrieg einen besonderen Platz in unserem kulturellen und politischen Lexikon ein. Ernest Hemingways Wem die Stunde schlägt und George Orwells Hommage an Katalonien, die beide die Erfahrungen der internationalistischen Kämpfer in Spanien darstellen, haben immer noch eine breite Leserschaft. Darstellungen des Krieges sind nicht auf kulturelle Überbleibsel der Vergangenheit begrenzt, im letzten Jahrzehnt behandelten populäre und wissenschaftliche Erzählungen, Museumsaustellungen und sogar populäre Film- und Fernsehprogramme weiterhin den Krieg. Leute, die die Aufmerksamkeit auf heutige Massaker lenken wollen, sei es in Fallujah, Gaza oder Syrien, erinnern häufig an Guernica, die Baskische Stadt, die brutal von der Nazi-Legion Condor bombardiert wurde.

Im Ergebnis dieser andauernden Voreingenommenheit nimmt die Abraham-Lincoln-Brigade einen einzigartigen Platz in unserer Kultur ein. Als “frühe Antifaschisten” charakterisiert, übt die Abraham-Lincoln-Brigade weiterhin eine eigene Faszination aus. Wie Berg fast ein Jahr vor seinem Tod in der New York Times schrieb: “Ich bekomme viele Briefe aus dem ganzen Land. Junge Menschen schreiben mir — sie wollen wissen, was geschah. Können Sie mir das erzählen, fragen sie. Sie waren dort. Alle anderen sind jetzt schon tot.” Viele betrachten die Mitglieder der Brigade als Helden.

Senator John McCains Würdigung von Berg in der New York Times von letzter Woche, in der er schrieb: “Ich habe ihrem [der Mitglieder der Abraham-Lincoln-Brigade] Mut und ihrer Hingabe in Spanien immer Bewunderung gezollt”, fügt sich sehr in dieses Gefühl ein. Doch war dies nicht immer der Fall. Während wir der Abraham-Lincoln-Brigade weiterhin gedachten, hatten wir ihre Behandlung seitens der US-Regierung entweder vergessen oder verdrängt.

Dazu: Wie die FBI-Politik abweicht und warum dies die Geheimhaltungsdebatte betrifft.

Während die verschiedenen Repressionsapparate des Staates gegen die Brigadeveteranen in Bewegung gesetzt wurden, betrieben die USA die Unterzeichnung eines bilateralen Abkommens mit Franco, der durch die Nazis und das faschistische Italien an die Macht gebracht worden war, eines Vertrages, der die Einrichtung von US-Militärbasen im faschistischen Spanien ermöglichen sollte. Da Franco als Bollwerk gegen den Kommunismus galt, passte es perfekt in den politischen Mainstream, einen Mann zu loben, der politische Gegner im “Spanischen Holocaust“ liquidierte, wie es der Historiker Paul Preston ausdrückte, und die Namen von 6.000 in Spanien lebenden Juden an Nazi-Deutschland weitergab, während zugleich die Kämpfer der Abraham-Lincoln-Brigade erpresst, verleumdet und verfolgt wurden. (Spanische Juden wurden durch Franco zwar nicht in die nazistischen Todeslager geschickt, doch in Frankreich gefasste Spanische Republikaner fanden sich unter den Häftlingen des Konzentrationslagers Mauthausen.)

Jegliche Würdigung der Freiwilligen der Abraham-Lincoln-Brigade – ja, jede Geschichte dieses Zeitabschnitts – ist ohne die Erwähnung der den Kämpfern der Abraham-Lincoln-Brigade widerfahrenen politischen Vergeltung unvollständig. Die ganzen Einzelheiten dieser Rache sind nicht bekannt. Während das FBI im Jahr 2008 sein Memorandum über die Veteranen der Abraham-Lincoln-Brigade von 1948 veröffentlichte, hielt es eine Vielzahl von Seiten in deren Gesamtheit zurück. Senatoren, wie John McCain, die das Heldentum der Abraham-Lincoln-Brigade unterstützen, sollten sich darum kümmern, dass alle Informationen an die Öffentlichkeit gelangen. Als Teil dieser Bemühungen hat das BORDC/DDF einen Antrag gemäß dem Gesetz zur Informationsfreiheit an das FBI auf Freigabe aller Unterlagen zu Delmer Berg gestellt. Bis dahin wurde alles, was wir wissen, durch Carroll zusammengefasst: “All diese Drangsalierung geschah, weil sie darum bemüht waren, eine demokratische Regierung vor einer faschistischen Machtübernahme zu schützen.”
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Anmerkungen:
1 Das Zitat stammt von Venneguts Erzähler. Vonnegut selbst war ein Sozialist, dessen vorangegangener Roman Jailbird (Gefängnisvogel) ein wirklich sympathisches Portrait der Kommunistischen Partei zeichnete.
2 Es gab tatsächlich keine solche Einheit, wie die Abraham-Lincoln-Brigade. Es gab ein Abraham-Lincoln- Bataillon, das Teil der Internationalen Brigaden war. Doch praktisch alle zeitgeschichtlichen Berichte sprechen von den US-Freiwilligen in Spanien allgemein als der Abraham-Lincoln-Brigade.

Übersetzung: „jowi-uebersetzungen.de“ 

 

 

Redaktion KFSR

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